Kaum auszuhalten. Wie in einem schlechten Film sieht man, was es bedeutet, wenn der falsche Mann uneingeschränkte Macht erlangt. Einfältige, rückwärtsgewandte Politik zerschlägt ohne Rücksicht eine Gewissheit nach der anderen. Mich persönlich verunsichert besonders der abrupte, nahezu nahtlose Übergang in eine mafiöse, von Gewalt getriebene Weltordnung. Alles ging so schnell. Ich muss mir manchmal die Augen reiben, um mich daran zu erinnern, dass es auch viel Gutes in der Welt gibt. Hoffnung hat mir die denkwürdige Rede von Mark Carney, dem Premierminister Kanadas, auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos gemacht.
Wir dürfen nicht den Mut verlieren, nicht verzagen und weiter daran arbeiten, dem Schlechten etwas Neues, etwas Gutes entgegenzustellen. Das waren seine Worte an uns. Uns, den normal Sterblichen, bleibt nichts, als zu hoffen, dass sie gehört werden und wir alle Frieden, Mut und Geduld direkt in unserer unmittelbaren Umgebung entfalten können. Ich danke euch allen von Herzen, dass ihr etwas wirklich Gutes – dass ihr UAHP möglich macht. Dass ihr den Menschen, den Künstlern zur Seite steht.
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Kyiv wieder im Dunkeln
Leider waren die letzten Wochen für die Ukrainer besonders schwer. Nach den russischen Luftangriffen vom 21. Januar sind in Kiew über eine Million Haushalte ohne Strom, laut >>ZDF Heute, mehr als 4.000 Wohnblöcke ohne Heizung. Man kann es sich kaum vorstellen. 600.000 der verbliebenen 3,6 Millionen Einwohner haben laut >>Kyiv Independent die Stadt bereits verlassen. Die Menschen sitzen erneut, wie zu Anfang 2022, im Dunkeln und frieren – diesmal weitaus schlimmer. Und eine Veränderung ist noch nicht in Sicht, denn die Schäden sind so bedeutend, dass zeitnahe Reparaturen nicht möglich sind.
Und dennoch, trotz Frust und Dunkelheit im Kopf, die Ukrainer geben nicht auf. In einer jüngst gemachten Umfrage ist eine Mehrheit weiterhin dafür, sich nicht zu ergeben und Russland klein beizugeben. Weiterhin erhalte ich dankbare Rückmeldungen und Post von Teilnehmern aus unserem UAHP-Programm. Wie das letzte Mal versprochen, erzähle ich euch heute von einem weiteren Künstler: Marharyta Zhurunova.
Verschwundene Landschaften
Quelle: REUTERS
Marharyta kommt aus Winnyzja (Vinnytsia) in der Ukraine. Sie arbeitet mit Druckgrafik – besonders Monotypie –, Zeichnung und Installation, oft genau in dem Übergang zwischen Grafik und Raum. In ihren Arbeiten geht es um das Sakrale und das Nicht-Menschen-Gemachte, aber auch um emotionale Verletzungen: wie man sie sichtbar macht, wie man sie aushält, wie man sie verwandelt.
Seit 2015 arbeitet sie außerdem in Co-Autorenschaft mit Bohdan Lokatyr an Umwelt-, Land-Art- und ortsspezifischen Projekten. Sie hat an der Ukrainian Academy of Printing (Buch- und Staffeleigrafik, Master) studiert, war unter anderem an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg – und ihre Arbeiten wurden in den letzten Jahren quer durch Europa gezeigt: in Kiew, Wien (ERSTE Foundation), Spanien, Italien, Island. 2019–2021 erhielt sie Präsidentenstipendien, 2019 zudem einen Präsidenten-Grant – Anerkennung, die man nicht zufällig bekommt.
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Zu Beginn der Vollinvasion, schreibt Marharyta, zerbrachen viele ihrer Illusionen über die „Kraft der Kunst, die Welt zu verändern“. Sie dachte an Käthe Kollwitz, an Goya, an „Guernica“, an Otto Dix und fragte sich: Wie kann man nach solchen Bildern noch Krieg wollen? Und doch musste sie erleben, wie selbst gebildete Russen den Krieg bejubelten. Ihre Beziehung zur Kunst wurde dadurch nicht erschüttert, sondern nur noch tiefer: „Sie wurde ein Werkzeug zum Überleben – ein fast ritualisierter Weg, mich selbst zu verstehen und zu heilen.“
Als Marharyta sich beim UAHP bewarb, war sie – wie sie ganz offen sagt – in einer extrem fragilen Phase. Sie hatte gerade mit Antidepressiva begonnen, doch ihr Therapeut gibt ihr zur Verstehen: ohne langfristige Therapie, werden Medikamente nicht helfen. Nur: sie konnte sich Therapie nicht leisten. Dann fand sie unsere Ausschreibung. „Es kam so zeitgenau“, schreibt sie, „fast zu gut, um wahr zu sein.“
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Und Marharyta war die allererste UAHP-Teilnehmerin. Als die davon erfuhr, antwortete sie: „Es ist mir eine Ehre. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass diese so wichtige Initiative weitergeht.“ Seitdem bestätigt sie ihre Sitzungen regelmäßig. Im September schrieb sie einen Satz, der hängen blieb: „Die Sitzungen haben einen unglaublich großen positiven Einfluss auf meine mentale Gesundheit. Danke.“
Aktuell arbeitet Marharyta an einem Projekt mit dem Titel „Disappearing Landscapes“ – „verschwindende Landschaften“. Landschaften begleiten sie seit der Kindheit: von Aquarellen über Ölmalerei bis hin zu Land Art. Doch viele Orte, die in ihrer Erinnerung leben, sind heute nicht mehr erreichbar – wegen des Krieges, oder einfach weil Zeit alles verschiebt. Sie existieren nur noch als „geisterhafte Erinnerungen“. Und sie stellt eine Frage, die vielleicht auch uns alle betrifft: Gehören diese Orte noch zu mir – und gehöre ich noch zu ihnen?
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Falls ihr Interesse an einem direkten Kontakt habt oder Werke erwerben möchtet, stelle ich gerne den Kontakt her.
Mehr Marharytas Arbeit:
www.zhurunova.com
instagram.com/zhurun_art
Wie suchen Unterstützung
Fünf Künstler sind seit mehreren Monaten in Behandlung. Hunderte sind weiterhin auf der Warteliste. Dieses Programm hat einen großen Wert. In einer der dunkelsten Zeiten unterstützt es junge, verletzliche Menschen, die mit ihrem Beispiel, ihrem Schicksal, ihrer Arbeit und ihrer persönlichen Aufarbeitung desselben anderen Menschen ein Vorbild sind. Sie sind die Zukunft dieses Landes. Mit ihrer durch das Programm wiedergefundenen Kraft können sie erneut Identifikation und Vision für die Ukraine sein. Aber auch für uns Europäer. 100 EUR pro Monat decken die Kosten für einen Therapieplatz, für einen Künstler. Meldet euch, wenn ihr Patenschaften übernehmen wollt oder wenn ihr jemanden kennt, der gewillt ist, diese Initiative zu unterstützen.
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