Bild: Victoria Palma | Foto: Victoria Palma

Keine Atempause

Kyiv unter Dauerbeschuss / 253 Therapiesitzungen dank UAHP / Fördersuche: viele Absagen / VIDLIK-Partnerschaft / Erste abgeschlossene Therapie

#war #UAHP #VictoriaPalma

Keine Atempause für die Ukraine. In der Nacht zum 6. Juli überzog Russland Kyiv mit 68 Raketen und 351 Drohnen. 22 Menschen starben, 90 wurden verletzt. Nur vier Tage zuvor waren es 17 Tote. >>Artikel

Zahlen, wie wir sie oft hören und dabei schnell vergessen, dass dahinter Schicksale stehen. Durch das UAHP-Programm kriege ich ein ganz direktes, ungefiltertes Bild. Die Künstler schreiben mir, was passiert, was sie erleben, was ihre Familien durchmachen, dass junge Geschwister als Drohnenpiloten an die Front gehen und wie in einem Computerspiel kämpfen; sie erzählen, wohin sie flüchten, was ihnen dort passiert und welche Wünsche, Hoffnungen und dunkle Gedanken sie haben. Ganz ehrlich – mich hat das am Anfang belastet. Man möchte helfen, aber muss realistisch bleiben. Aber ich habe mich entschlossen, das als Geschenk zu sehen. Es macht einen krassen Unterschied, die bloßen Zahlen zu sehen und auf der anderen Seite die Geschichten dieser jungen Menschen zu lesen. Ich möchte euch so gut es geht daran teilhaben lassen. Ich kann zwar keine Details nennen, aber zwischen Luftalarm und Stromausfall erreichen mich, Monat für Monat, E-Mails und die Bestätigungen von mittlerweile 253 (!) Therapiesitzungen, die nur und ausschließlich dank euch stattfinden konnten. Und das ist wirklich etwas Besonderes.

Seid stolz darauf. Auf das, was ihr hier macht! Seid mal für eine Sekunde nicht kritisch mit euch selbst, sondern feiert euch. Wir haben die erste Teilnehmerin, die ihre Therapie offiziell abgeschlossen hat! Nach zwölf Monaten und 48 Therapiesitzungen hat diese Künstlerin aus unserem UAHP-Programm heraus mit Mut und neuen Zielen Schritte in ein neues Leben gemacht. Ihr Name ist Victoria. Und in diesem Newsletter will ich euch von ihr und ihrer Kunst erzählen.

Erinnerung und Identität

Victoria Palma wurde 1977 in Jalta geboren. Das ist die Südküste der berühmten und berüchtigten Krim, der Halbinsel, die seit 2014 ein Spielball der Weltmächte ist. Sie wurde in eine bekannte Künstlerfamilie geboren. Eine Dynastie von Künstlern, sagt sie, hat ihren Weg geprägt: erst die Kinder-Kunstschule, dann die Kunsthochschule. Heute steht sie auf der anderen Seite und unterrichtet selbst Malerei. Victoria arbeitet in der zeitgenössischen Kunst mit unterschiedlichen Medien und Zeichentechniken. Ihre großen Themen sind Erinnerung und Identität. Ihre Werke waren in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, sie war auf internationalen Residenzen und organisiert selbst Festivals und Kunstprojekte. „Kunst ist Wissen, Selbsterforschung und Transformation der Zeit“, schreibt sie mir.

Name: Dinner, 2025 | Öl auf Leinwand, 90×150

Ihr Bild „Dinner“ gehört zum Projekt „Monochrome of Existence“ und nimmt mit auf eine Reise durch die Träume eines Exzentrikers. „New Year’s Eve“ stammt aus dem Projekt „Pink Line“ über männliche und weibliche Körperlichkeit in der Farbe Rosa.

Name: New Year’s Eve, 2025 | Papier, Aquarell, Bleistift, 100×125

Zum UAHP kam Victoria mit schweren und dunklen Fragen: Sie hatte ihren Weg verloren, ihren Mut und ihre Hoffnung „Komme ich hier jemals raus, aus diesem schwarzen Loch des Krieges, der Apathie?“ Schon nach den ersten Monaten schrieb sie mir: „Diese Gespräche bringen mich ins Leben zurück und stellen meinen verlorenen Selbstwert wieder her.“ Über ihre Psychologin sagt sie: „Sie hat mir unendlich geholfen. Sie und ich, wir gehen im selben Land durch schwerste Zeiten, und ich verstehe jetzt, wie wichtig und wertvoll Hilfe ist.“

48 Sitzungen, zwölf Monate, von Mai 2025 bis April 2026. Dann war es geschafft: Victoria hat als erste Teilnehmerin unsere Therapie offiziell abgeschlossen. „Ich gehe jetzt endlich Schritt für Schritt konstruktiv voran“, schreibt sie heute, „die Psychologin gab mir so viele unendlich wertvolle Werkzeuge, die mir helfen, endlich vorwärts zu gehen.“ Und dann schrieb sie diesen Satz, der mich echt berührt hat: „Ich damals und ich jetzt: das sind zwei verschiedene Menschen.“

Name: Earth’s Path, 2025 | Bleistift auf Papier, 45×34

In ihrem letzten Schreiben richtet sie sich an euch: „Bitte richtet den Sponsoren, Unterstützern und Teilnehmern meinen Dank aus der Tiefe meines Herzens aus. Danke!“

Zwei verschiedene Menschen… Das ist wirklich möglich. Das ist eine wichtige, hoffungsvolle Botschaft und macht auch Mut. Wir können etwas verändern! In uns. Und wenn wir uns verändern, dann können wir auch diese Welt verändern. Falls ihr Interesse an einem direkten Kontakt habt oder Werke erwerben möchtet, stelle ich gerne den Kontakt her.

Zwei neue Türen

Wir haben eine Partnerschaft mit VIDLIK Projects unterzeichnet, einer registrierten ukrainischen Künstler-NGO aus Kyiv. Das ist wichtig, weil viele Förderprogramme einen ukrainischen Co-Antragsteller verlangen. Diese Partnerschaft wird uns viele Türen öffnen. Und noch etwas sehr Schönes ist passiert, was zeigt, was eine einzelne Entscheidung bewirken kann: Rita Russek hat sich dazu entschlossen, ein ganzes Jahr lang einen zusätzlichen Therapieplatz für den jüngsten Teilnehmer unseres Programms zu finanzieren, einen jungen Fotografen aus Donezk. Herzlichen Dank, Rita, für diese Entscheidung!

Und weiterhin meine Bitte an euch: Falls ihr Kontakte zu Stiftungen, Förderern oder Menschen habt, die regelmäßig unterstützen möchten, meldet euch bitte! Eine Therapie kostet in etwa 130 EUR / Monat und dauert ca. 12 Monate. Ich vermittle gerne Patenschaften!

Klinken putzen

Wie ihr wisst, stelle ich seit dem Frühjahr systematisch Förderanträge. Eingereicht ist eine Projektskizze beim zivik-Programm des ifa, für zivile Konfliktbearbeitung über die Kulturszene. Sie wird derzeit geprüft. Beim EZ-Kleinprojektefonds der Schmitz-Stiftungen läuft die Trägerprüfung. Beim INTRO-Stipendium der Behörde für Kultur und Medien Hamburg haben wir Absagen erhalten, mit Verweis auf begrenzte Fördermittel. Auch ZMINA: Resilience, Culture Helps und die Else Kröner-Fresenius-Stiftung haben abgesagt, letztere mit einem anderen Förderschwerpunkt.

Mein Fazit: Es ist sehr schwer, Förderung für diese Art von Programm zu finden. Auf der einen Seite die nicht genau zu beziffernden Ausgaben (Zeitraum, Therapiebedarf), auf der anderen Seite die große Verantwortung einer Zusage. Die Teilnehmer sind im schwersten Kapitel ihres Lebens, brauchen zuverlässige Therapieplätze und das fordert eine echte Widmung von Seiten der Förderung. Fünf Monate Unterstützung reicht einfach nicht. So ist es schwer, UAHP in ein vorgefertigtes Fördergeld-Schema einzupassen in einer sowieso schon recht dünnen Förderlandschaft, was Mental Health betrifft. Die meisten Fördertöpfe verknüpfen ihr Engagement mit großer Sichtbarkeit – bei diesem sehr persönlichen Thema und gleichzeitig geringen Teilnehmerzahlen fast nicht möglich.

Was wir hier machen, ist eine echte Ausnahme. Es ist eine echte, individuelle Investition in das Leben von einem Menschen. Absagen sind zwar nicht schön, aber auch kein Drama. Sie gehören zu dieser Art von Arbeit. Aufgeben nicht. Ich bleibe dran.

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